Durch die Nacht zur Morgenröte

Durch die Nacht zur Morgenröte - StartupBrett

Kondratieff ist, für alle, die ihn noch nicht kennen, schnell erklärt. Dem russischen Wirtschaftswissenschaftler des vorvergangenen Jahrhunderts zufolge erlebt unsere Welt regelmäßige konjunkturelle Zyklen, und zwar so ziemlich genau alle 50 Jahre. Ein neuer Rohstoff in Verbindung mit einer Erfindung bringen die Welt zum Beben, und zwar allumfassend. Die erste Flutwelle kam mit der Baumwolle, die die Filz- und Lederkleidung Ende des neunzehnten Jahrhunderts ablöste. Gelingen konnte das aber erst durch innovative Webstühle und neue Fabrikationsabläufe in Manufakturen. Gegen 1850 erlebte die Schienentechnik einen Höhepunkt, dann die Chemie und erste Formen des Massenkonsums. In den 1950er Jahren setzte sich die Automobilität endgültig durch. Zurzeit befinden wir uns auf dem Scheitelpunkt dessen, was wir als Kommunikationswelle bezeichnen: Der Rohstoff Internet in Verbindung mit zahlreichen mobilen Anwendungen in Hard- und Software vernetzen die Welt auf nie dagewesene (und im Vorfeld nur durch sehr verwegene Köpfe vorstellbare) Weise.

Was kommt als nächstes? Diese viel zu kurz gedachte Frage stellen sich zurzeit viele Köpfe, steckt in ihr doch die Hoffnung auf neue Segnungen, Geschäftsmodelle und Problemlösungen. Ganz so, als könnten wir von einem Wellenberg zum nächsten hüpfen. Aber leider liegt zwischen zwei Hügeln immer ein Tal. Und das ist es, was als nächstes kommt: Ein Mangel, eine Krise, vermutlich eine Katastrophe.

So funktioniert Innovation, jeder Konjunktur geht eine Mangelsituation voraus. Bevor Kleidung massenhaft produziert werden konnte, wuchs die Bevölkerung in Europa durch neue landwirtschaftliche Produktionsbedingungen stark an, Essen gab’s also genug, nur Klamotten waren rar. Später mussten all die produzierten Stoffe, Garne, Kleidungsstücke und Maschinen transportiert werden, die Behebung des einen Mangels hatte also das nächste Problem geschaffen. Die Antwort darauf war das Verlegen von rund 40.000 Kilometer Schiene allein in Deutschland.
Wer also darüber nachdenkt, welche innovativen Welten er nach Tinder, Airbnb und Lieferheld er als nächstes schaffen möchte, der kommt um die Frage nicht herum, welche Mangelsituationen unser Leben in den folgenden Jahren prägen wird. Erst der Mangel, dann die Innovation. Darauf aufbauend entwickeln sich Geschäftsmodelle, dann folgen gesellschaftliche Umwälzungen.

Man muss durch die Nacht wandern,
 wenn man die Morgenröte sehen will.

Khalil Gibran (1883 – 1931)

libanesisch-amerikanischer Dichter, Philosoph und Maler.

Sein Lebenswerk galt der Versöhnung der westlichen und arabischen Welt.

Wir, die schon lange in der Gründerszene unterwegs sind, vergessen schnell: Für die meisten Menschen sind Innovation kein Segen, sondern beunruhigende Zeichen einer neu anbrechenden Zeit. Das Wort „Reform“ ist nicht erst seit der Griechenlandkrise Synonym für Sparzwänge, unfreiwillige Einschränkungen und sozialen Niedergang. Wer Innovation will, muss nicht nur in der Krise die Chance erkennen, sondern möglichst vielen Menschen diese Perspektive auch vermitteln.
„Fürchtet Euch nicht“ – diesen Satz sagen Engel an zahlreichen Stellen in der Bibel immer dann, wenn sie eigentlich gute Nachrichten zu überbringen geschickt wurden. Die Reaktionen der Bauern aber sind vor allem von einem geprägt: Furcht. Einem Engel begegnet man schließlich nicht alle Tage. Wer schon einmal an der Nordsee seinen Urlaub verbracht hat, der weiß um die Wucht schon kleinerer Wellen. Je mehr wir ihre Kraft fürchten und versuchen, uns ihnen zu widersetzen, desto rauer rütteln sie uns durch. Sie als Verbündete zu betrachten, fällt schwer. Eurokrise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise – wir versuchen vor allem, die Themen so gut es geht aus unserem Leben rauszuhalten. Wer der Welle aber entgegen schwimmt, den trägt sie erstaunlich sanft nach oben. Fürchtet Euch nicht.

 

Oliver Schmidt

Oliver Schmidt

Oliver Schmidt arbeitet als Unternehmensberater (Sandwichpicker GmbH, Hultgren Nachhaltigkeitsberatung), Coach internationaler Startups und als Dozent (FU Berlin, HU Berlin, HNE Eberswalde, Jurij-Fedkowytsch-Universität Czernowitz (Ukraine), Social Impact Lab). Sein besonderes Augenmerk gilt dem Spannungsfeld aus Nachhaltigkeitsmanagement, Unternehmensführung und strategischem Marketing. Als Mitglied im Netzwerk Unternehmertum der Freien Universität Berlin unterstützt er Studentinnen und Studenten des Deutschlandstipendiums als Förderer und Mentor. Im Netzwerk zentral- und osteuropäischer Universitäten Tempus Eanet engagiert er sich als Leadoach und Dozent. Am liebsten erklärt er die Welt in Vorträgen und Workshops.