Aus Liebe zur Idee – Gründen in der Kleinstadt

Wisst ihr, was ihr wollt? Ich konnte mich nie entscheiden und habe gelernt, auf die Frage „Und was machst du da(mit) eigentlich?“ gelassen zu reagieren. Als studierte Kulturwirtin bin ich ein bisschen BWL, sporadisch Politik, ein paar Sprachen, subtile Kultur und soziologische Studien, eine Generalistin, die sich sprachgewandt an der Oberfläche gesellschaftlicher Themen bewegt und in der Tiefe fachlicher Kompetenz manchmal ein bisschen ins Schwimmen kommt. Grundsätzlich habe ich mich damit also schon früher nicht sehr von einem klassischen Gründer unterschieden. Klar ist mir das aber erst geworden, als mich Praktika, Projekte, die Leidenschaft für kreative Ideen und der Zufall in die Leitung des Gründerzentrums in Passau geführt haben.

Mein eigenes Startup ist der Aufbau einer lebendigen Gründerkultur und die Schaffung von Netzwerken und Strukturen, die eine richtige Szene entstehen lassen. Und wie bei jedem Gründer hängt mindestens so viel Herzblut in diesem Projekt wie Ideen und Arbeit. Wir haben am Kunden entwickelt, den Markt analysiert, Störfelder aufgestöbert, gegen Windmühlen gekämpft und ein ganzes komplexes Ökosystem hinter der Gründungsförderung entdeckt. Ländliche Räume und periphere Standorte wie wir funktionieren anders als große Metropolregionen oder Städte wie München, Hamburg oder Berlin. Hier sind die Strukturen enger verwoben und müssen Gründungsförderung und Entwicklung des ganzen Standorts und Wirtschaftsraumes Hand in Hand gehen. Gründen ist emotionaler, man bleibt und geht den Schritt in die Selbstständigkeit aus Überzeugung und Zuneigung zur alten oder neuen Heimat. Ideen sind bodenständiger, lebensnaher und oft hemdsärmeliger als in Software-getriebenen Startup-Hochburgen, deswegen aber nicht weniger innovativ. Nur eben vielleicht ein Stückchen klarer.

Ein bisschen beginnt die Geschichte des Gründerstandorts Passau mit mymuesli und den 3 Jungs, die 2007 ein Geschäftskonzept vorlegten, das polarisiert hat. Bio-Müsli, nach Wunsch selbst gemixt und über’s Internet verkauft. Anmaßend, sinnlos, großartig, Skepsis bis Begeisterung, die am Ende auch einen überraschenden Erfolg mit sich bringt. Die Produktion kommt der Nachfrage nicht mehr hinterher, mymuesli ist deutschlandweit in der Presse und mittlerweile legt das nicht mehr so kleine Startup als Unternehmen mit mehr als 150 Mitarbeitern auch im Offline-Bereich kräftig zu.

Bunter als „die Müslis“ ist wohl keiner, aber an unternehmerischem Nachwuchs mangelt es Passau nicht. Und Nachwuchs ist bei uns auch in anderen Bereichen Programm und Aufgabe. Wir unterstützen inzwischen auch Nachfolger in etablierten Unternehmen, die auch noch mit der Herausforderung konfrontiert sind, respektvoll traditionelle Werte, langjährige Mitarbeiter und eingefahrene Prozesse in neue Strukturen und eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Gleiches gilt natürlich auch für innovierende Führungskräfte, die neue Wege in ihrem Unternehmen gehen wollen.

So unterschiedlich die Branchen, Konzepte und Werdegänge auch sind, was diese Menschen verbindet, sind Macher-Qualitäten und die Inspiration, etwas zu wagen und zu verändern. Die erfolgreichsten Gründer sind für mich die, die mit Leidenschaft und aus Überzeugung arbeiten, nicht um des Erfolges wegen. Selbst wenn sie mit ihrer Idee am Ende scheitern, aber was ist schon scheitern? Diese Menschen haben mehr Mut bewiesen, als die meisten anderen, werden mehr gelernt haben aus diesen Erfahrungen als in jedem Angestelltenverhältnis und sich zu Experten in Fachbereichen entwickelt haben, von denen sie nie auch nur geträumt haben. Sie werden sich ein Traum erfüllt haben und sich nie mit der Frage quälen „Was wäre, wenn?“ und manche von ihnen werden mit Ideen Erfolg haben, die ihnen vorher jegliche eigene und fremde Vernunft auszureden versucht hat. Von diesen Menschen und ihren Erfahrungen kann man nur lernen und der Austausch untereinander ist mehr als bereichernd – er kann den Funken schlagen, der einer Idee ans Licht hilft oder frühzeitig Partnerschaften knüpft und Wurzeln in der regionalen Wirtschaft schlägt.

Deswegen liebe ich meinen Job, der wahrscheinlich mehr Berufung als Beruf ist. Unser Netzwerk wächst und gedeiht und immer mehr spannende Anknüpfungspunkte entstehen, die auch uns inspirieren, neue Wege zu gehen. In diesem Jahr dürfen wir am 5. Und 6. November zum zweiten Mal unseren Kongress inn.spiriert ausrichten, ein Schmelztiegel an Erfahrungen, Ideen, Produkten, Branchen und Persönlichkeiten. Diese Veranstaltung setzt Akzente und Impulse, die junge Gründer und etablierte Unternehmer gleichermaßen bewegen und zeigt, dass unterschiedliche Generationen nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten können um gemeinsam eine starke Wirtschaftsregion zu erschaffen. Mit dabei sind in diesem Jahr lokale Unternehmergrößen wie Wolfram Hatz (Motorenfabrik Hatz GmbH & Co. KG), innovative Nachfolger wie Stefan Penninger (Alte Hausbrennerei Penninger GmbH), die Familienunternehmerin Katharina Baumann (weinrouten.de), der Kreativunternehmer und Kulturschaffende Till Hofmann (Eulenspiegel Concerts) und der kreative Filmemacher und Unternehmer Radu Gota (Abstrct GmbH), Rising Stars in der Software-Entwicklung wie Andreas Böhm (ONE LOGIC GmbH) und der Ideen-Liebhaber und Vernetzer Lukas Herbst, Gründer von StartupBrett.de.

Eine Gründung ist Emotion pur und die Begeisterung für das eigene Produkt verdoppelt sich – ebenso wie das sprichwörtliche Glück – wenn man sie teilt. Wir freuen uns auf spannende Gäste und eine entspannte Zeit bei inn.spiriert und ich freue mich, noch mehr Ideen dort zu entdecken. Im vergangenen Jahr hat einer unserer Referenten ihr das Prädikat „wirklich coole Veranstaltung“ gegeben – und aus dem Mund von Dr. Peter Felixberger war das das schönste Lob der Welt.

Dieser Beitrag wurde bereits auf InnoRivers veröffentlicht.

 

Stephanie Fichtl

Written by

Stephanie Fichtl hat den Aufbau von InnoRivers von Anfang an miterlebt und begleitet. Als "Rückkehrerin in zweiter Generation" arbeitet sie für und mit dem enormen Potenzial ihrer Wahlheimat Passau und begeistert Andere für den Zukunftstandort Niederbayern.

  • Vielen danke für Sein Artikel. Man macht mir die gleiche Frage jede Woche:„Und was machst du da(mit) eigentlich?“ . :-)

    Es ist sehr wichtig zu wissen, dass, wenn jemand nicht mit seiner Idee am Ende erfolgreich wird, es ist egal, denn was ist schon scheitern? Man lernt immer, man macht immer wieder neue Kontakte.

    Viel Erfolg mit der neuen Auflage der Veranstaltung inn.spiriert

    Grüße aus Spanien

    Miguel , aka @MikeChapel at Twitter